1. Hund
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Videoaufnahmen davon, wie Donna Haraway in den 90ern mit ihrem Australian Shepherd Cayenne an einem Wettbewerb antritt, wirken ungemein beruhigend auf mich. «Left! Tunnel! Right! Go, go, go!» gemischt mit motiviertem Hundegebelle.
Ich habe keinerlei persönliche Beziehung zu den Bildern: Ich hatte nie einen Hund. Das, was dieser Erfahrung vielleicht am nächsten kommt – und das meine ich so ernst wie möglich – ist das Spielen von Nintendogs irgendwann zwischen 2006 und 2009. Auf mich wirken die Bilder von Haraway mit ihrer Hündin wie die der Trainings- und Wettbewerbssequenzen in Nintendogs. Der Hund klebt an der Hand von Haraway wie der virtuelle Hund an den Bereichen des Bildschirms, den der Nintendo-DS-Stift berührt. Das Bellen mutet künstlich an durch fast schon rhythmische Abstände zwischen jedem Laut. Der Wettbewerbsaufbau scheint identisch im Video wie im Spiel. Sogar die Kamera beobachtet das Geschehen aus der gleichen Perspektive. Wäre es nicht ein tolles Augenzwinkern der Geschichte, hätten die Produzenten von Nintendogs als einzige Referenz Wettbewerbsvideos von Donna Haraway mit ihrem Hund genommen? Aber wie gesagt: kein Hund, keine Hundewettbewerbe bisher in meinem Leben. Alle Hundewettbewerbe dieser Art sehen wahrscheinlich gleich aus. Ich hoffe, meinen Nintendogs geht es gut.
Ein kleiner Shiba Inu, ein Labrador, ein Corgie, ein Schäferhund, ein Huskie, ein Beagle, ein Pudel, ein Dalmatiner. Wenn man die Nase eines Hundes berührt, muss er niesen. Wenn wir zusammen Gassi gehen, habe ich keinen Körper. Manchmal leckt der Hund die Luft ab und ich muss mir vorstellen wie es ist, einen Körper in der Welt des Hundes zu haben.
Wahrscheinlich leiden meine Nintendogs inzwischen am kognitiven Dysfunktionssyndrom.
«Sie ist ein wenig senil. Sie bellt aus Verwirrung am späten Nachmittag. Sie weiss nicht ganz genau, was sie mit sich selbst machen soll. Und was ich höre, ist meine alte Freundin, wie sie ein bisschen verwirrt ist. Das Bellen erinnert mich an die Intimität unseres Erbes. Das Erbe von grossen und kleinen Dingen. Die verschiedenen Lebensspannen einer Frau und eines Hundes. Wir waren zusammen für zehn Jahre auf unserer Höhe. Sie ist alt auf eine Art und Weise, die ich es noch nicht bin. Und meine Verantwortung ist, meine Freundin zu begleiten.» Nintendogs bleiben bis in alle Ewigkeit Welpen, sogar wenn sie Nachkommen produzieren. Oder vielleicht ist ihre Lebensspanne einfach viel länger; sie verhalten sich zu mir wie Donna Haraway zu Cayenne. Ich altere, kognitive Dysfunktion, senile Demenz stehen vor der Tür, während die Hunde noch Welpen sind.
Gib einem Kind einen Hund und es ist glücklich für bis zu zehn Jahre. Gib einem Kind Nintendogs und es ist glücklich bis an sein Lebensende.
2. Affe
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Was gilt als Natur für wen und wann?
«Wie viel kostet es, Natur zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte für eine bestimmte Gruppe von Menschen zu produzieren? Was gilt als Natur für wen und wann?» Mensch konstruiert sich im Kontrast zum Tier. Kultur konstruiert sich im Kontrast zur Natur. Das Gorillaweibchen Koko steht an der Schwelle zwischen den Sphären: Durch die Linse von National Geographic steht Koko für den universellen Menschen: Sie ist verantwortlich für ihr eigenes Bild, sie gibt den Tieren Namen – wie Adam im Paradies – und sie beschäftigt sich mit moralischen Fragen. Nur durch den Blick auf das konstruierte Nichtmenschliche erschaffen und vertiefen wir eine Beziehung zu uns selbst.
Koko hat letztendlich ein Kätzchen bekommen, ich Nintendogs. Zehn Jahre später stand ich ein paar Mal die Woche im Büro meiner Arbeit und wurde unter anderem dafür bezahlt, Gorillalaute zu machen. Das Problem dabei war, dass Gorillas sich nicht anhören, wie wir uns Affenlaute vorstellen. Wir stellen uns Gorillalaute falsch vor. Einer meiner Kollegen hatte sich Gorillalaute eingeprägt, um sie gut nachmachen zu können. Echte Gorillalaute klingen für mich nach einer extrem unheimlichen Mischung aus menschlichem Weinen und Rufen und dem Knurren, Winseln und Bellen von Hunden. Hätten wir das im Büro geschafft, hätten wir wahrscheinlich alle den Verstand verloren. Eine Hündin, die regelmässig bei uns war, während wir arbeiteten, bekam es immer sehr mit der Angst zu tun, wenn mein Kollege seine Laute preisgab. Der Rest von uns blieb lieber bei Schimpansenlauten – die klangen wenigstens für ungeübte Ohren nach von Affen produzierten Geräuschen.
3. Vogel
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«Welcome to California Bird Talk. I’m Rusten Hogness. This year we’ve been trying to learn to hear birds better. Today we’ll listen to two very different songs of the songsparrow. […] It’s a wonderful world of sound out there, enjoy it.»
Die Fensterscheiben meiner Grundschule waren voller Vogelsticker. Ich glaube es war 2006, als meine Eltern einen Wintergarten an unser Haus bauten. Die Arbeiten dauerten bis in den Winter und im nächsten Frühling war unaufhörlich das laute, viel zu aufdringliche Geräusch eines Vogels zu hören, der gegen eine der Fensterscheiben flog. Ich rannte immer zu dem Geräusch, um zu sehen, ob es dem Vogel gut ging. Ich sah nie einen Vogel in meiner Gegenwart gegen die Scheiben fliegen. Das Geräusch war nur aus der Ferne wahrnehmbar. Als Präventionsmassnahme klebten meine Eltern natürlich die Scheiben voller Vogelsticker. Es dauerte einige Jahre, bis die Vögel der Umgebung sich an die neue, gläserne Konstruktion gewöhnt hatten. Die Vogelsticker aber blieben, zusammen mit dem Glauben, das sie etwas bewirkten. Jahre später versuchten wir sie zu entfernen; sie hatten sich aber mit der Zeit und mithilfe der Sonne in das Glas eingebrannt.
–> HOX No.01