Prolog
Ich bin erkältet. Der Kopf dröhnt. Die Gelenke schmerzen. Schleim, Schnodder, Rotz, Schweiss, fliesst, stopft, in meinen Poren, Ritzen, Löchern. Es läuft: aus mir. Aus-
Sterben.
Aussterben. Aha. Smoother Übergang. Das Motto des Abends, des Magazins: EXTICTION. Wer oder was stirbt hier aus?
Wer oder was überlebt hier?
Assoziationsgewitter: Die Dinosaurier. Die Rebellion. Der Boomer. Die Insekten. Die Pflanzen. Das 2G-Handy-Netz.
Aussterben. Das ist ja mehr als sterben, geht über das Sterben aus, hinaus, heraus, daraus heraus. Aus dem Sterben heraus: etwas –
1. Akt
Der Raum ist leer. Neben mir zeichnet Sade. Menschen suchen das Klo. Oder die Bar. Auch egal.
An den Geruch dieses Raumes muss ich mich immer erst gewöhnen.
Eine Person fragt uns nach den Heften, 1 und 2, und 3, kommt erst noch, ja? Genau. Darum sind wir hier.
TEASER.
Wir teasen euch. Fragt ihr euch, was wir hier machen? Was wir tippen, zeichnen, flicken, schreiben, zerreiben, erschleichen, erfassen, erkennen, benennen?
Sade holt Prosecco.
Ein Korken knallt.
Vorne rechts fliesst sanft Dampf aus einer Glaskugel. Ein Licht blendet mich. Menschen tröpfeln in den Raum. Sie tragen Tanktops und Metallketten, Velotaschen und Sidecuts, Anzughosen und Neonfarben. Tragen Bier und Gespräche in den Raum.
Voll geil
Genau, ich has richtig wele mache
Het irgendöpis psycht
Bruch dringend e Zigarette
Zeig nomal
Hoi
Ja voll de Stress
Denn han ich die Stelleuusschriibig gseh
Vertraust du mir, liebe*r Leser*in? Vertraust du dem, was du hier liest? Vertraust du meinem Blick?
Interlude/Soundcheck
Es dröhnt.
Jemensch klatscht.
Mir fanged es bizli spöter a
Vouyeur*in. Zuschauer*in. Beobachter*in.
Ihr schaut mir zu, wie ich euch anschaue, euch beschreibe, mir eure Präsenz erschreibe. Ich bin schauend ausgestellt.
Interlude/Soundcheck
Es dröhnt.
Es klirrt.
An diesem langen Tisch, mit Lampe und Stift und –
Hoi!
Schön bisch da!
Ja, voll!
Bisch am Schaffe?
Ja, da am… dokumentiere. Oder so. Haha. Mal luege.
Bis spöter demfall.
Ja voll, ich bin eh da.
Haha. Ja.
Liebe*r Leser*in.
Das ist ein Protokoll. Das Protokoll eines Abends. Ich verspreche dir, dass es wahrhaftig ist. Dass ich wahrheitsgemäss wiedergebe, wahrheitsgemäss beschreibe, meine Wahrheit hier erschreibe. Ich verspreche dir, dass es so war, wie ich es hier beschreibe.
Live-Büro.
Ist das eine Performance? Ist das Notieren an sich schon ein performativer Akt? Wie macht ein Text sichtbar, dass sein Schreiben eine körperliche Aktion, eine Entbehrung war, voller verkrampfter Kiefermuskulatur und wund gescheuerter Ellenbögen und schmerzenden Fingergelenken und verhärteten Nackenmuskeln und übervollen Blasen und knurrenden Mägen, weil das Aufstehen mitten in diesen Gedanken keine Option war?
Wie macht ein Text sichtbar, dass auf ihn kein Verlass ist?
Zwei Kinder stehen am Tisch. Zwei Menschen sprechen Französisch.
Wir scheinen zu warten.
…
Von draussen Lachen. Das Knarzen des Bodens.
Ein Schlüsselanhänger klimpert.
Mir fällt bestimmt noch etwas ein. Oder auf.
…
Ich liebe ja diesen Moment an Vernissagen, bevor es richtig los geht. Wenn die Menschen verloren durch die Räume schleichen, irgendwelche Dinge anschauen, von denen sie nicht wissen, ob sie Teil der Ausstellung sind, oder nicht. Sich ein Bier holen, damit sie irgendetwas zu tun haben, sich an irgendetwas festhalten können. Und dann nochmal raus gehen, Eine rauchen, super, dann ist die andere Hand auch beschäftigt. Lachen. Hallo sagen. Oder auch nicht, weil ja gerade Zürcher*innen sehr gut darin sind, nicht zu lachen und nicht Hallo zu sagen. Cool bleiben.
Der Raum füllt sich langsam.
Also, liebe Leser*in, wie sieht’s aus? Haben wir uns schon eigentlich schon vorgestellt?
Ich –
Das Ich, das hier schreibt. Ist weiss, und hat studiert, wird
–
Ein Glas klirrt.
2. Akt
Vier Menschen sitzen auf einem Sofa. Eine Person nach der anderen erhebt sich: Hallo.
Es geht los.
Ich sehe: Rücken.
Interlude/Gotgha
Es dröhnt.
Noise.
Als würde etwas fallen. Aufprallen.
Stopp.
Noise.
Space.
Darüber: etwas Sanftes.
Es nimmt zu, schwillt an, an an an an
an an an an an an an an an …
Aus.
Again.
Let’s start again.
Blitz.
Let’s start again, let’s start fresh, let’s do it better, let’s be better, let’s
Aus.
Scheint dieses Sanfte zu sagen, während alles andere sich in diesen Klängen verliert, diesem Rauschen, ich spüre es in meine Brust, meinem Bauch, mein Stuhl vibriert, der Boden unter meinen Füssen, der Tisch, die Wände, der Raum, die Stadt, die Welt, die Zukunftttttttttttttttttttttttttttt t t t t ttt t t t t t ttttttttt t t tttttttttttttttttttttttt tttttttttttttttttttttttttttttttttttttttttttttttt ttttttttt t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t tttttttttttttttttttt tttttttt ttttttttttt ttttttttt ttttttt tttttttttttt ttttttttttttttt tttttttttttt ttttttt t t t t t tttttttt tttttttttttttttt ttttttttttttt tttttttttttt tttttttttttttttttttttttttt ttttttttttttt t t t t t t t t t t t tttt tttt t ttttt t ttttt tt tttttttttt t tttt tttttt ttttttttttttttttttttttttttttttttttttttt ttttttttttttttttttTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT
TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT TTTTTTTTTTTTTTT T T T T T T T T ttt t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t ttttttttttttttttttttttttt
t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t t tttttttttttt
3. Akt
Wo waren wir stehen geblieben?
Krass, oder, was Musik mit dem Körper macht.
Ja, das war so richtig im Bauch…
Echt, bei dir ist es im Bauch? Bei mir ist es eher so der Kopf.
… Ich habe aber auch nicht gut geschlafen.
Egal.
Jetzt sitze ich also hier. An diesem langen Tisch. Mein Erkältungstee dampft unter der Lampe, wie eine Zigarre, meint jemensch. Genau, das fehlt noch, die Zigarre, die Schreibmaschine, der Stuhl mit grosser Lehne, der Bauch, der Schnaps: Ein Autor.
Wer darf in unserer Gesellschaft beschreiben, was ist?
Wessen Protokolle nehmen wir wahr?
Welche Protokolle begreifen wir als Tatsachenbericht?
Husten.
Welche Protokolle ziehen wir in Zweifel?
I han vollschts Vertraue ii dich.
Es ist Pause.
Interlude/Soundcheck
Beat.
Sphärische Klänge. Der Dampf fliesst weiter lautlos aus der Glaskugel. Menschen kommen. Und gehen.
Ich bekomme Besuch von Leandra.
An unserem langen Tisch.
Ich hole ein Bier.
Wir sprechen über Sprachkritik. Journalismus. Die Frage der Form.
Sich kurzhalten-
Zwei Kinder kommen und malen an unserem Tisch. Eine grosse Wiese. Ganz gross.
Die Menschen tröpfeln zurück.
So cool.
Sie bilden einen Kreis, andächtig, vor dem DJ-Pult.
Nebel im roten Licht. Blau, am Boden.
Münzen klimpern.
Interlude/Endobliss
Die Kinder vor mir nehmen ihre Ohropax.
«I feel so completely dismantled-»
Ein Hall…
Ein Beat.
Der Stuhl unter mir vibriert, ich habe meine Beine überschlagen und es fühlt sich fast so an, wie das wellenartige Pulsieren eines Vibrators –
High. Pitch. Beat.
Ich würde gerne rauchen.
Ich habe gerne etwas zu tun an solchen Veranstaltungen. Eine Aufgabe, einen Platz. Sorry, ich muss… Oder ich suche mir eine Aufgabe, zum Beispiel alle Chäppli im Raum zählen (mind. 12) und alle Plexiglasohrringe (5!). Alle Kerzen und alle Kronkorken. Die Menschen auf einer Skala einteilen, entlang des Ironiegehalts ihrer T-Shirts (von «Cate Blanchett» bis «Queer Riot»). Mich fragen, wer heute schon Sex hatte und wer heute noch Sex haben wird. Wer heute schon geweint hat. Wer deren*seinen*ihren Vater vermisst. Wer mit deren*seinen*ihren Pflanzen spricht. Wer sich fragt, ob…
Nelly Furtado!
Flames to dust, lovers to friends.
Why do all good things come to an end?
Ein Jauchzen im Publikum.
Valérie und ich sehen uns, durch das rote Licht, wir tanzen, die Hände in der Luft, die Augenbrauen, die Stirn, die Lippen, wie damals… «come to an end, come to an end, come to and enddddd.»
Klirren. Glitchen. Drop.
–
Wir bleiben noch ein bisschen.
Epilog
Das isch schnell verbigange-
verbigange-
meint Sade. Neben mir haben sich traumwandlerische Figuren aus ihrem Papier geschält. Ich bin gespannt, was noch daraus wird.
Ich-
bleibe bei dem.
Fürs Erste.
–> HOX No.03