Die Beine waren verkehrt herum am restlichen Körper angewachsen, was keinesfalls im Widerspruch zu seiner Beweglichkeit und Geschwindigkeit steht. Der Anblick liess mich erschaudern, doch gleichermassen faszinieren. Mit einem Plastikbecher, aus dem wohl ein sich im Stress befindender Passant getrunken hatte und von ebendiesem achtlos auf die Strasse geworfen wurde, versuchte sich das Wesen durch hektische, ja fast zitternde Bewegungen etwas Kleingeld von Wartenden zu ergaunern. Es schien zwar der gängigen Sprache mächtig zu sein, doch es bevorzugte Grunzgeräusche, die jenen eines gebärenden Gnus ähneln, das sowohl erleichtert über den Nachwuchs und den Fortbestand seiner Rasse ist, als auch besorgt, da es nun zwei Münder zu stopfen hat. So traversierte das zitternde, mit Kleingeld klimpernde, insektenähnliche Ding von Mensch zu Mensch und forderte eine milde Gabe. Was es sich vom Erlös der Massenverwirrung leisten wollte, blieb nur zu erahnen.
Das Ding war in längst vergessener Zeit mal ein menschliches Wesen. Weinte, wenn es traurig war, ass, wenn es Hunger verspürte und tanzte wenn der frisch angebrochene Abend nach einem Glas Sekt und guter Musik eine nie enden wollende Nacht gespickt mit ausgelassenen Gesprächen über die Diktatur Nordkoreas oder das Geheimrezept des Schokoladenkuchens der Grossmutter, welches sie bis mit ins Grab nahm, versprach. Eines Tages jedoch wurde dem Wesen das Menschsein überdrüssig. Schon im Kindesalter sammelte es Unmengen an Kleingetier, das es unter Steinhaufen hinter dem Haus fand, und hegte und pflegte die wildzappelnde, dunkle Masse über genau den Zeitraum, die sie benötigt, um zu einer neuen, frei denkenden und handelnden Lebensform zu fusionieren. Ein bedeutender Wendepunkt im Leben des jungen Menschen, der sich im Körper einer falschen Spezies zu fühlen glaubte. Mit der aus seinem geglückten Experiment gewonnenen Erfahrung wurde sein Wissensdurst und Erfindergeist angetrieben und er verbrachte zwei Jahrzehnte im Keller eines Freundes, der ihm noch einen Gefallen schuldig war, weil er ihm tapfer zur Seite stand, als sein Kaninchen Ralf das Zeitliche segnete. Dort tüftelte er an einer Apparatur, der ihm den Weg in seine individuelle Glückseligkeit ebnen würde. Dabei ernährte er sich – wie könnte es auch anders sein – ausschliesslich von Insekten, die sich während des Paarungstanzes auf unerklärliche Weise in den Keller verirrten. Zwei Jahrzehnte waren eine sehr lange Zeit, um sich beim Arbeitgeber überzeugend als «leicht verschnupft» abzumelden. So verlor er seine Arbeitsstelle als Dompteur und ward im Zirkus nie mehr gesehen.
Die genannte Apparatur war handgeschmiedet und von träger Natur. Verschiedene Bügel und Drähte standen in alle Richtungen ab und das Ganze wurde von zwei riesigen Gummibändern zusammengehalten. Naturkeller sind bekanntlich als feucht zu bezeichnen und so kam es, dass das Instrument an der einen oder anderen Stelle rostete, was es aber optisch durchaus als gewollt rustikal erscheinen liess. Übersät mit Furunkeln und in hygienisch grenzwertiger körperlicher Verfassung betrat das noch menschliche Wesen die Apparatur. Es legte sich diverse Gestänge um die Extremitäten und legte einen grossen Hebel um, der wiederum an einem Dieselmotor befestigt war. Die Gerätschaft ächzte und fing an sich langsam zu bewegen. Die Knochen begannen zu brechen, Blut spritzte und einzelne grössere Hautfetzen lösten sich vom Muskelgewebe ab. Manch einer würde die Prozedur als widerwärtig und unmenschlich bezeichnen, aber genau dies war ihr Zweck. Aus dem arbeitslosen Dompteur wurde allmählich ein überdimensioniertes, graziles Insekt, das ein Zoologe in die Familie der Arachniden einordnen würde. Die Beine wurden verdreht, sodass die Kniescheiben nach hinten zeigten und die verformte Wirbelsäule verlieh der Kreatur ein dynamisches Äusseres. Beide Arme wurden dermassen verdreht und gequetscht, dass sie fleischlappenähnlich plump am Torso hingen. Die Transformation war vollbracht. Die Kreatur verspürte bei der Beendigung des Vorgangs nicht etwa Schmerz und Leid – wie man es vermuten würde – sondern Befriedigung. Sie war froh, nun endlich im richtigen «Körper» zu Hause sein zu können.
Arbeitslosigkeit, die meist mit finanziellen Schwierigkeiten einhergeht, Hunger, Kälte und soziale Armut trieb das Wesen nach Beendigung der ersten euphorischen Phase zum Betteln und Stehlen. Auch als fleischgewordener Alptraum ist es schwierig sich in dieser Welt zurecht zu finden. Es fallen Rechnungen an, man*frau muss die jährliche Steuererklärung ausfüllen und sehnt sich nach Partnerschaft und Liebe. Das Wesen war damit hoffnungslos überfordert, denn es hatte keine Arbeit, ebenso wurde es aus seiner Wohnung geschmissen und von allen geächtet. Es war schlicht nicht mehr willkommen in unserer Gesellschaft. So kam es, dass es sich eines Tages eine weitere Maschine baute. Diese war im Vergleich zur letzten schon etwas ausgeklügelter. Durch sein handwerkliches Geschick war sie schon nach einem Monat einsatzbereit und die Kreatur wollte nicht länger warten und bediente sie sogleich. Die Prozedur dauerte dieses Mal nicht sehr lange.
Kurz bevor Karl den Schuss abfeuerte und dem Reh endlich den Garaus machen konnte – er war nun schon seit zwei Tagen unterwegs, doch das verflixte Ding wollte sich einfach nicht erlegen lassen – sah er am Himmel zwischen zwei Baumwipfeln einen dunklen Schatten emporsteigen. So etwas hatte er noch nie gesehen, die Leute in der Jägerkneipe werden ihm niemals Glauben schenken, wenn er erzählt, was er gesehen hatte. Vorher würde er natürlich ein theatralisches Intro mit Gesang und Tanz hinlegen, damit er die Aufmerksamkeit der Jägersleute auf sich ziehen kann, um dann mit einer Taschenlampe das Gesicht anleuchtend seine Sage kundtun zu können:
«Hundert Beine, alle gebrochen.
Augen rot und schleimig Brei.
Aus der Hölle ist’s gekrochen.
Ich dacht’ jetzt sei’s mit mir vorbei.»
Die Jäger sahen verdattert aus der Wäsche. Karl hatte sie da, wo er sie haben wollte.
«Mit Knochenflügeln, welch ein Schreck
hoch oben über Berg und Baum
Der Schnabel voll mit Vogeldreck
die Ohren voll mit grünem Schaum.»
Seine Stimme klang zittrig und ängstlich.
«Der Gedanke an das üble Geschick
wird Löcher mir in Gedärme brennen
es kitzelt mir mein altes Genick
drum werd’ ich mich sogleich erhängen.»
So holte er aus seiner Jägerstasche ein belastungsstarkes Hanfseil hervor, mit dem er normalerweise das geschossene Wild zusammenband, schwang es über einen Holzbalken, bat eine ältere Dame sich zu erheben, damit er deren wackligen Hocker haben kann, stellte ihn unter das Seil und knöpfte sich vor versammelter Mannschaft auf.
–> HOX No.01