Dass Ghosting mittlerweile zu unserem Dating-Alltag als Normalität dazugehört, sagt mehr über unser kulturelles Miteinander aus, als über den einzelnen Menschen.
Trotz der vielen existentiellen, politischen, ökonomischen und ökologischen Gefahren, die wie ein Damoklesschwert über uns Menschen schweben, frage ich mich: Wie soll die menschliche Spezies in Zeiten des Dating-Massenphänomens «Ghosting» jemals überleben? Wie wollen wir die menschliche Fortpflanzung sichern, wenn wir uns schon nach dem ersten Date oder einer kleinen Krise in Luft auflösen?
Laut einer Umfrage sind hierzulande 55 Prozent aller Befragten schon einmal sang- und klanglos aus einer platonischen oder romantischen Beziehung verschwunden. Eben war die Person noch da, bekundete Interesse und plötzlich bricht der Kontakt ohne Vorwarnung ab. Dies geht oft einher mit der Bekundung von weniger und weniger Zeit, bis die Person sich schlussendlich – scheinbar ohne Grund – in Luft auflöst, weder auf Nachrichten noch auf Anrufe reagiert und wie ein Gespenst verschwindet. Die Person auf der anderen Seite des Ghosting bleibt mit vielen Fragezeichen im Kopf zurück und nicht selten tut sich ein schmerzliches, emotionales Loch auf, in das die Verlassenen fallen. «Was-wäre-wenn»- Fragen und die sich immer wiederholende Schleife der letzten Wochen mit der verschwundenen Person kreisen wie ein Endlos-Looping durch den Kopf. Es grenzt schon an Selbstkasteiung, sich permanent Fragen wie «Was habe ich wann wie falsch gemacht?» auszusetzen. Ghosting ist übrigens keinem Geschlecht oder einer Altersgruppe zuzuschreiben. Es steht jedoch eng im Zusammenhang mit der Reife- und Kommunikationsfähigkeit eines Menschen.
Unweigerlich frage ich mich: Warum fällt es vielen Menschen leichter, das Gegenüber scheinbar willentlich zu verletzen, statt den eigenen Gefühlszustand offen zu kommunizieren und das Zusammensein zu beenden? «Menschen, die ghosten, haben oft Schwierigkeiten, sich mit anderen Menschen zu konfrontieren und eigene Bedürfnisse mitzuteilen. Sie vermeiden Konfliktsituationen und Auseinandersetzungen», sagt Diplom-Psychologin Nele Sehrt. Gut, gut. Aber warum ist das so? Hat das mit unserem digitalen Zeitalter zu tun, in dem man sich mit den eigenen Meinungen und Botschaften sicher und anonym hinter Computer und Smartphone verstecken kann, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen? Haben wir verlernt, Diskussionen zu führen, Widerworte zu akzeptieren und für unsere Meinungen einzustehen, selbst wenn das bedeutet, dass man eventuell mit Gegenwind rechnen muss?
Als ich als Teenager in den Nullerjahren von meinen Eltern ein Handy geschenkt bekam – nur für Notfälle versteht sich –, schrieb ich mit verzücktem Erstaunen Kurznachrichten an meine Crushes. «Lass uns um 18:00 an der Post treffen und abhängen», tippte ich dann wortgewandt. Mit einem «Ok» wurde die Poesie von der anderen Seite abgerundet und man traf sich wie schriftlich vereinbart an Ort und Stelle. Wenn ich heute auf mein Dating-Portfolio zurückblicke, waren diese Treffen wohl die erfolgreichsten in der Geschichte meines Daseins. Es war so einfach: Erstens wurde, eine Uhrzeit und Treffpunkt ausgemacht, zweitens eingehalten und drittens konnte man sich auf das Erscheinen der anderen Person mit 99 prozentiger Wahrscheinlichkeit verlassen. Die Gespräche waren rückblickend auch leichter, witziger und tiefgründiger als alles, was danach kam. Zwei Stunden lang über «The Bad Touch» von der Bloodhound Gang zu philosophieren, erscheint mir in der Retrospektive viel gehaltvoller als die Themen von heute. Als Erwachsene beschönige ich bei Dates meine Vita, während ich gekonnt mit einer Hand mein Rotweinglas jongliere, pseudo-intellektuelles Wissen über Jim Jarmuschs Filme von mir gebe und beteuere, dass Promiskuität die neue Romantik sei, obwohl ich tief in mir drin weiss, dass ich eigentlich nur jemenshen will, mit dem ich am Samstagabend in der Löffelchenstellung Trash TV schauen kann.
Ich gehöre zu der Generation der Millennials, auch Generation Y genannt, die Digital Natives zweiten Grades sind. Wir wurden nicht wie die Generation Z mit einem iPhone am Ohr geboren, und die Kunst der TikTok-Videobearbeitung haben wir auch nicht mit der Muttermilch aufgenommen. Wenn man sich unsere fotografische Präsentation auf Dating-Plattformen ansieht, wird schnell klar: Wir lernen langsam.
«Unlearning» ist unser Ding, denn die Feminist*innen meiner Jugendjahre waren unter anderem Britney Spears, die gerne «noch einmal von ihrem Baby geschlagen werden wollte», und Paris Hilton, die Weiss-, Dürr -und Reichsein propagierte. Printmedien erzählten mir, wie ich am besten abnehmen kann, um meinem Angebeteten zu gefallen. Das Fernsehen bewarb Beziehungen in Romcoms zwischen coolen, weissen Cis-Helden und der weiblichen Nebenrolle, die keine Charakterzuschreibungen ausser «hübsch, tolpatschig, kaufsüchtig» und «verliebt in die Hauptfigur» innehatte.
Natürlich hat seit meiner Teenie-Zeit eine Veränderung stattgefunden. Wurde auch Zeit! Geschlechternormen und -zuschreibungen werden mehr und mehr inklusiv gedacht und gängige Geschlechterklischees und ihre Konsequenzen werden aktiv hinterfragt. Je nach dem, in welcher Bubble wir uns bewegen, können wir alles sein, alles machen und alles ausprobieren. Aber mit all diesen Möglichkeiten kommt auch die Angst, etwas zu verpassen. FOMO (Fear of Missing Out) ist unser ständiger Begleiter. «Soll ich mich für diese Person entscheiden oder lieber auf die nächste, bessere Option warten?» Wir haben so viele Auswahlmöglichkeiten, dass wir uns wie ein kribbelndes Bein einer Bienenkönigin fühlen, die vor lauter Optionen nicht weiss, wohin sie fliegen soll. Aber hey, wir leben im digitalen Zeitalter! Wir haben mehr Zugriff auf alle möglichen Informationen und Menschen, als wir uns jemals vorstellen konnten. Wir können sogar unsere verrücktesten Kinks und Fetische ausleben! Warum sollten wir uns also auf eine Person beschränken? Warum müssen wir uns mit langen Verabschiedungen aufhalten, wenn wir die Zeit für neue Abenteuer nutzen können?
Vielleicht deshalb: Laut Traumaforschung kann Ghosting bei den Verlassenen eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, oder eine Anpassungsstörung auslösen. Je nach Belastungsresistenz und Dauer oder Tiefe der jeweiligen Beziehung, können nach einem plötzlichen Kontaktabbruch dissoziative Symptome (neben sich stehen, sich nicht mehr fühlen), gesteigerte Affekte wie Wut und Trauer, vegetative Reaktionen wie Herzrasen und Schwitzen oder physische Reaktionen wie Appetit- oder Schlaflosigkeit auftreten. Auch wurde belegt, dass unser Gehirn sich leichter an die Realität gewöhnt, wenn jemand stirbt, weil es einen Abschluss gibt. Wir tun uns schwer damit, jemanden loszulassen, der uns hängen lässt, weil die Hoffnung, eines Tages zusammenzusitzen und die Dinge zu klären oder zu dem zurückzukehren, wie es einmal war, noch am Leben ist.
Das die möglichen Symptome des Ghosting nicht übertrieben sind, musste ich selbst schmerzlich erleben:
Vor zwei Jahren war da dieser Berlin Boy, den ich beim gemeinsamen arbeiten kennengelernt hatte. Er war jünger als ich und hatte diesen «Enfant-Terrible-Charme», der mich zu einer Amour Fou hinreissen liess. Ich beendete meine langjährige Beziehung und lebte mit ihm in meiner und seiner Stadt, zwischen COVID-Reisebeschränkungen und deren Überschreitungen, zwischen seinem Leben voller künstlerischer Freiheit, Berghain und Sex-Positive-Partys und meinem Leben als sesshafte Berufstätige, mit Mutterschaft und weltlichen Verpflichtungen. Gut, da gab es jede Menge Red Flags und auf dem Papier passten wir offensichtlich nicht gut zueinander, aber das Herz will, was das Herz will. So erlebten wir zwei Jahre einen Rollercoaster, welcher uns beide letztendlich neurotisch zurückliess. So gross die erste Verliebtheit war, so hart war die Erkenntnis, dass wir vielleicht doch nicht «für immer» gemacht waren. Doch diesen Gedanken schob ich immer wieder zur Seite. Nach einem romantischen Urlaub in Triest und dem Versuch, gemeinsam Zukunftspläne zu schmieden, glaubte ich wieder an unsere Definition von «Beziehung». Doch als wir wieder in unsere Städte zurückkehrten, hörte ich von einem Tag auf den anderen plötzlich nichts mehr von ihm. «Er hatte viel zu tun und war mit anderen Leuten unterwegs», hiess es. Aus täglichem Kontakt wurde wöchentlicher Kontakt mit belanglosen Gesprächen, bis ich schliesslich vollständig aus seinem Leben gestrichen wurde, ohne Vorwarnung und ohne jegliche Erklärung. Für mich fühlte es sich an wie ein Entzug. Boom – zwei Jahre lang war diese Person an meiner Seite und plötzlich war sie weg, und mit ihr die Liebe, die täglichen Gespräche, die gegenwärtigen und zukünftigen Pläne. Mein Nervensystem sagte: Nein, danke! Und so fand ich mich im Krankenhaus mit einem Nervenzusammenbruch wieder. Ja, so kann es (auch) gehen. Ich rappelte mich wieder auf und versuchte Erklärungen für meine Fragen zu finden, die keinen Sinn ergaben. Wie kann der Mensch, der einem einmal am nächsten stand, derjenige werden, der einem am meisten Schmerzen zufügt und mit Kälte und Kontaktabbruch reagiert? Warum verletzen Menschen bei vollem Bewusstsein andere mit ihrer Abwesenheit, statt ein offenes Gespräch mit Abschluss zu suchen? Warum schaffen wir es nicht, in einer Zeit, in der wir uns bemühen, «woke» zu sein, Worte wie Empathie und Achtsamkeit in unser Vokabular aufnehmen, Yoga praktizieren und meditieren, um uns besser zu spüren, auf Demos gehen und auf Instagram für Spenden für von der Natur und Politik gebeutelte Länder aufrufen, dieses nach aussen gelebte Mitgefühl auch in unseren engsten Beziehungen zum Ausdruck zu bringen?
Und weiter gedacht: Wenn wir auf «Commitment» oft so empfindlich reagieren und folglich verschwinden, werden wir uns dann unweigerlich irgendwann selbst als Spezies auslöschen? Der härteste Porno unserer Zeit ist es doch, wenn wir uns gegenseitig sagen: «Ich wähle dich aus all diesen verfügbaren Menschen auf der Welt aus. Mit dir will ich eine Zukunft.»
Der beratende Psychotherapeut Deepak Kashyap betont in einem Interview, dass die Ursache des stillen Beendens einer Beziehung oft von unrealistischen Idealvorstellungen beeinflusst wird, wie eine gesunde Beziehung auszusehen hat. Dies sei oft ein Resultat der Popkultur, die einen in die Irre führt und nicht zu erfüllende Erwartungen verursacht: «Unser Leben und unsere Beziehungen müssen nicht jeden Tag aufregend sein. Unser(e) Partner*in ist kein Produkt, das einer Kosten-Nutzen-Analyse unterliegt und man wegwerfen kann, wenn er/sie keine Rendite mehr abwirft», so Kashyap.
Wir müssen uns klar machen, dass es keine Person auf der Welt gibt, die all unsere Bedürfnisse abdecken kann. Alles andere wäre eine Illusion. Bevor man auf die Suche nach einer Person geht, die einen komplett erfüllt, muss ma die Reise nach Innen antreten. Ganz nach dem Motto: Mach dich selbst ganz und dann suche nach jemandem, der/die dich ergänzt.
–> HOX No.03