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Lisa Spoeri

Träume aus Zement

Die in den 1970er-Jahren an einer Überdosis Opium gestorbene Traumdeuterin Sylvia Eisengrave sagt in einem Interview, das heute auf Youtube über acht Millionen Klicks besitzt, wer von Zement träumt, dem fehle es an Substanz. Baumasse, um aus seinem eigenen Dasein Bedeutung hervorzubringen.
Einen Tag nach dem Interview wurde das Fundament eines Ferienkomplexes direkt hinter den Sanddünen einer europäischen Mittelmeerinsel gegossen, auf dem ein Koloss aus Zement entstehen sollte – je nach Ansicht der Betrachtung, ein wahrgewordener oder gescheiterter Traum vom Urlaubsparadies im «Süden» und Anlass für Eisengraves seltsames, letztes Interview: Die Traumdeuterin sitzt in ihrer geblümten Strickjacke in einer Talkshow zwischen blauem Zigarettendunst und eloquenten Männern, im Hintergrund Beine mit Schlaghosen. Eisengrave, zeitlebens als talkshowtaugliche Verrückte abgestempelt, erwies sich im Nachhinein als gute Beobachterin der Träume ganzer Generationen.

I Asphalt

Manu hörte unbekannte Stimmen. Über ihm raunte etwas, dann ein rauchiges Lachen und helles Klingen von Messingbesteck. Ich bin in der Küche meiner Oma, dachte Manu. Und liege auf der Eckbank, während sie das Geschirr abräumt und vielleicht habe ich den Nachtisch noch nicht verschlafen. Gedämpfte Stimmen schalteten sich aus dem Hintergrund dazu. Ich muss das Mittag verschlafen haben, das Mittag, Mittag, Mittach, wie sie hier bei seiner Grossmutter sagten. Vorsichtig hob er sein Ohr, das auf einem organischen Gegenstand geklebt hatte, wie er feststellte nicht der Eckbank. Etwas in der Raum-Zeit-Komponente hatte sich verschoben, etwas konnte nicht stimmen. Da waren zu viele Geräusche, zu viel Licht. Manu öffnete die Augen und sah zwei behaarte Knie einen halben Meter vor sich. Wieder lachte jemand und diesmal bebte es unter ihm.
Guten Morgen der Herr, sagte eine tiefe Stimme über ihm. Dichtes wasserstoffblondes Haar umrahmte ein markantes Gesicht, das auf ihn hinunterblickte.
Käffchen?
Manu sah über die Tischkannte zur anderen Person, die jetzt gesprochen hatte. Das Wesen, zu dem die behaarten Knie gehörten, trug ein psychedelisches Croptop, einen Vokuhila-Haarschnitt und nippte an einer Flüssigkeit in einer Tasse.
Manu versuchte sich zu erinnern, wie er hergekommen war und richtete seinen Oberkörper auf.
Uh, sachte, sachte, sagte der Vokuhilamensch und dann an die Blondine gerichtet, in deren Schoss Manu offenbar geschlafen hatte: Au weia! Nacht der lebenden Toten.
Manu lag tatsächlich auf einer Art Eckbank. Der rote Lederbezug klebte an seinen Beinen – ganz offensichtlich befand er sich nicht in der Küche seiner Grossmutter. Tageslicht fiel durch die bodentiefen Fenster auf Menschen an Bistrotischen. Aber in Manus Kopf schlug jetzt jemand mit einem Brecheisen von innen gegen die obere Schädelwand, sodass er nur noch vage wahrnahm, was um ihn herum passierte.
Er schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Das Bild eines Bordsteins kehrte in sein Bewusstsein zurück. Er war am Abend aus dem Haus getreten und hatte sofort bedauert, eine lange Hose zu tragen. So viel wusste er. Die Hitze war unerträglich gewesen, auch in der Nacht, und unten – je mehr man sich dem Beton näherte – war es umso schlimmer. Er hatte sich am Späti zwei Bier gekauft und beide getrunken, bis sich jemand zu ihm gesetzt hatte, den er kannte oder irgendwo schon einmal gesehen hatte. Das Taxi hatte gehalten, sie beide mitgenommen, und sie waren im Kreis gefahren, hatten Scheine gegen Plastiktütchen und eine Kanüle mit weissem Pulver getauscht. Treppen hoch, Menschenmenge, Treppe runter. Nichts. Er hatte vorgehabt ins SO zu gehen, war sich jetzt aber sicher, am Morgen aus einem anderen Club getreten zu sein. Gab es im SO Treppen? Er erinnerte sich ein paar Meter entfernt vom Ausgang hingesetzt zu haben – oder war er gestürzt? Und dann Dunkelheit. Bis die kräftigen Zähne im Gesicht der grossen Blonden über ihm aufgetaucht waren. Sie hatte ihn angelächelt und gesprochen oder versucht ihn zu essen – Manu wusste es nicht mehr. Er sah jetzt an sich hinab. Der schwarze Plastikrock sass stramm.

II Über den Dächern

Manu legte das Smartphone neben sich. Er hatte Eisengraves Video mehrere Male angesehen und immer wieder zu der Stelle zurückgespult, an der die Traumdeuterin von Substanz zu sprechen begann. Das Wort hallte in Manu nach und er umkreiste das dazu angelegte semantische Feld in seinem Kopf. Gebäudesubstanz war auch so ein Begriff, den sie im ersten Semester ständig gebraucht hatten. Bewirtschaftungsbedingungen, Kahlschlagsanierungen, Bestandsbauten und so weiter.
Schon kündigte sich das nächste Video an. Auch das hatte Manu bereits gesehen. Es war die Reportage über den missglückten Versuch einer Teleportation in Houston, Texas, bei dem zwei Menschen schwer verletzt wurden. Die Verantwortlichen behaupteten in den Interviews hinterher, es habe an einem Berechnungsfehler aufgrund der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheit – kein Betonfundament – gelegen. Andere sprachen von roher Gewaltausübung bei dem Versuch, den eigenen Körper in eben diesem Boden verschwinden zu lassen.
Manu legte den Finger auf «Abbrechen», woraufhin weitere Kacheln mit Standbildern auftauchten. Unter ihnen auch dasjenige, in dem sich ein Typ, der angeblich der ehemalige COO der Wirecard AG Jan Marsalek war, in einem den Behörden unbekannten Hotelzimmer die vierte Bahn kolumbianisches Kokain – wahrscheinlich mit einem Anteil von mindestens 30 Prozent Zement – durch die Nase zog. Manu, der auch dieses Video schon mehrfach gesehen hatte, fragte sich, ob Marsalek, der nach eigenen Angaben Teilhaber von drei Zementfabriken in Lybien war, auch manchmal von Zement träumte. Sicherlich würde er diesen Umstand ohnehin nicht zu deuten wissen.

Die untergehende Sonne hatte jetzt ein pinkes Band hinter den groben Schultern der Plattenbauten ausgeworfen. Die Digitaluhr der Apotheke an der Strassenecke zeigte 21:28 Uhr und 32 Grad Celsius an. Manu sass auf dem Dach eines zwölfstöckigen Gebäudes, während seine linke Hand in einem Ein-Liter-Sack trockenen Zements steckte und dachte über sein Leben nach. Er würde den Abend nicht überleben. Halb im Scherz kam ihm dieser Gedanke, als das etwas in seinem Hals wieder zu pochen begann. Nicht einen weiteren Abend in dieser scheiss Stadt. Er warf einen Blick über die Schulter auf das jämmerliche Zelt, das er mit Gaffatape an der Aussenwand des Treppenaufgangs festgeklebt hatte, damit es bei einem Windstoss nicht vom Dach wehte – für den Fall, dass ein Wind kam. Die einzige noch vorhandene Zeltstange sorgte für eine minimal aufrechte Haltung, der Rest war konkav in sich zusammengesunken. Tags zuvor hatte er sich geschworen, ins Bauhaus zu gehen und ein neues Zelt zu kaufen, aber dann hatte die Hitze ihn davon abgehalten – er würde ohnehin nicht im Zelt schlafen, sondern unter freiem Himmel. Also hatte er sich im Park in den Schatten gelegt, seinen Tabak aufgeraucht – bei Zigarette Nummer zwölf hatte er aufgehört zu zählen – und der Abend hatte seinen Lauf genommen bis er vollkommen dehydriert und fast blind gegen 11 Uhr früh im Schoss der Unbekannten aufgewacht war. Das Frühstück danach hatte gutgetan. Irgendwie. Sie hatten ihm erzählt, wie sie hiessen (Stella und Tom) und wie sie ihn vorm SO aufgegabelt (Stella bestand darauf, dass er in einer nicht definierbaren Pfütze gelegen habe und Tom auf die Schaum-vorm-Mund-Variante) und in das Frühstücks-Café von José (wer auch immer das war) geschleppt hatten. Manu überlegte, an welcher Stelle er seine lange Hose gegen den Fetischfummel ausgetauscht hatte und wer jetzt seine Hose besass. Eigentlich fand er es ganz gut. Die Luft zwischen den Beinen gefiel ihm. Sie hatten ihn gefragt, wo er wohne und er hatte wahrheitsgemäss «nirgendwo» gesagt. Sie hatten sich kopfschüttelnd angesehen und danach war der Protestgesang losgegangen, den Manu befürchtet hatte.
Du kommst zu Erwin, hatte Tom nach einem abwechselnden Monolog zwischen Stella und ihm empört gesagt und dann noch einmal zu Stella: Er kommt zu Erwin.
Manu, der nicht wusste, wer Erwin war, freute sich, dass er endlich so etwas wie Freund*innen gefunden hatte und vielleicht sogar eine Art Wohnung und nickte, als habe nur noch sein Einverständnis gefehlt, um bei Erwin einzuziehen. Nachdem sie alle noch einmal etwas über den angespannten Wohnungsmarkt gesagt hatten und jede*r nacheinander abwechselnd mit Toms Handtasche auf der Toilette verschwunden war, hatte Manu gespürt, dass das Leben es doch nicht so schlecht mit ihm meinte. Vielleicht bestand es einfach nur aus dieser Art Kreislauf. Zerstörung – Auferstehung – Zerstörung – Auferstehung – Zerstörung und so weiter.

Der belebte Platz mit seiner Verkehrsinsel, der Hochbahn und der punktuellen Hitzewarnung bei Googlemaps pulsierte auf dieselbe Art wie seine Halsschlagader. Konstant beunruhigend, aber nicht ungefährlich. Menschen, Autos, E-Scooter auf der Suche nach – ja nach was eigentlich? – in der Betonwüste.
Er hatte an diesem Nachmittag wieder den Traum mit dem Zementberg geträumt: Er war auf dem ausgestorbenen Gelände des Zementwerkes gewesen. Mit einem riesigen LKW hatte er einen gigantischen Hügel aufgeschüttet. Dann hatte er versucht, den Berg zu besteigen. Ein sinnloses Unterfangen. Immer wieder war er knietief im feinen Zement versunken.
Wieder dachte er an Eisengrave und die kaputten Träume. Fehlte es ihm an Substanz? Fehlte es der Stadt an Substanz, um Lebensraum zu bleiben oder werden?
Etwas vibrierte an seinem Bein und ein helles Klingeln riss ihn aus den Gedanken.
Geschlafen, precious? Du kannst bei mir baden, wenn du nicht zum Schwimmbad gehst…Bisous, Stella.
Manu, die linke Hand immer noch im Zementsack, spürte seine Mundwinkel eine ungewohnte Performance vollziehen. Es zitterte links und rechts. Er hörte sich glucksen. Dann klingelte es noch einmal. Der Akkubalken auf dem Screen war gefährlich rot.
Schnell sah er auf die neue Nachricht darunter: Sonst komm zur Wagenplatz um 10 pm. Erwin wohnt in der Orange.

–> HOX No.03

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